Der Hof und seine Geschichte Der Hof und seine Geschichte
Mit viel Vergangenheit
Über 800 Jahre stecken in den Mauern des Hof zu Wil. Er war Machtzentrum der Fürstabtei St.Gallen, ein Ort, an dem die Eidgenossenschaft Weichen stellte, eine florierende Brauerei und ist heute ein Baudenkmal von nationaler Bedeutung. Der Hof zu Wil hat viele Leben gelebt. Entdecken Sie sie hier.
1226: Die Anfänge
Im Jahr 1226 vermacht Graf Diethelm I. dem Kloster St.Gallen die Burg und die Stadt Wil. Diese Schenkung sollte den Hof für Jahrhunderte prägen. Noch im selben Jahr empfängt Abt Berchtold von Falkenstein den Grafen und späteren König Rudolf von Habsburg im Hof zu einem Friedensschluss. Von Beginn an ist der Hof kein gewöhnlicher Ort. Hier werden Entscheidungen gefällt, die weit über Wil hinauswirken.
15. Jahrhundert: Ulrich Rösch und die Fürstabtei
Im 15. Jahrhundert steckt die Fürstabtei St.Gallen in einer tiefen Krise. Kriege kosten Territorium, Appenzell wird unabhängig und die Stadt St. Gallen greift nach der verbliebenen weltlichen Herrschaft des Klosters. In dieser schwierigen Lage wird Ulrich Rösch zum Abt gewählt. Mit dem Rückhalt der eidgenössischen Schirmorte gelingt es ihm, die Herrschaft zu festigen und einen modernen Territorialstaat zu formen. Im Jahr 1482 gab er dem Hof seine heutige äussere Gestalt mit dem mächtigen Walmdach.
Macht, Recht und Finanzen: Das Zentrum der Fürstabtei
Wil ist das fürstäbtische Zentrum in dreifacher Hinsicht. Hier residiert der Reichsvogt, der sich um Recht und Finanzen des Klosterstaates kümmert. Hier ist der Hauptmann der vier eidgenössischen Schirmorte zuhause. Und seit 1463 besitzt Wil die kaiserlich verliehene Hochgerichtsbarkeit – das Recht, über Leben und Tod zu urteilen. Der Hof zu Wil ist das wichtigste Gerichts- und Verwaltungszentrum der Fürstabtei ausserhalb St.Gallens.
1529–1600: Reformation und Renaissance
Die Reformation hinterlässt ihre Spuren: 1529 nimmt der Zürcher Schirmhauptmann mit seinem Gefolge Wohnsitz im Hof. Wil bleibt jedoch dem Kloster treu. Im späten 16. Jahrhundert gestalten die Fürstäbte Diethelm Blarer von Wartensee, Otmar Kunz aus Wil und Joachim Opser aus Wil den Hof im Stil eines Renaissance-Schlosses um. Sie liessen repräsentative Säle errichten und prächtige Wandmalereien anfertigen. Eines davon wurde im Rahmen der Renovationsarbeiten hinter einer Bretterwand entdeckt.
1647: Das Defensionale – Geburtsort der Schweizer Neutralität
Kurz vor Ende des Dreissigjährigen Kriegs versammeln sich 1647 die 13 Alten Orte und ihre Zugewandten im Hof zu Wil. Bedroht von einem Schwedischen Heer, das bereits Konstanz eingenommen hatte, beschliessen sie eine gemeinsame Wehrordnung, das sogenannte Defensionale von Wil. Erstmals wurde nach einer mathematischen Formel festgelegt, wer wieviele Soldaten, Geschütze, Ochsen etc. zu liefern hat. Das Defensionale von Wil wurde damit zur ersten militärischen Grundordnung der Eidgenossenschaft. Dieser Moment macht den Hof zu einem Ort von nationaler Bedeutung, denn er gilt als Geburtsort der bewaffneten schweizerischen Neutralität und der Schweizer Armee.
1700–1805: Barockzeit und das Ende der Fürstabtei
Im 18. Jahrhundert verkleinerten die Äbte der Barockzeit die grossen Renaissancesäle und statteten die Räume mit aufwendigen Stuckaturen aus. Aufgrund seiner besonderen geografischen Lage und seiner Hauptstadtfunktion für die gesamte Fürstabtei St.Gallen verbringen einige Fürstäbte mehr Zeit in Wil als in St. Gallen, bis schliesslich der Klosterbezirk in St.Gallen mit der neuen Kathedrale und Stiftsbibliothek eröffnet und wieder wichtiger wird. Mit der Gründung des Kantons St.Gallen im Jahr 1803 und der Aufhebung des Klosters im Jahr 1805 endet diese Epoche abrupt. Der Hof wird zur Liquidationsmasse und steht vor einer ungewissen Zukunft.
1810–1867: Der Hof wird Brauerei
1810 erwirbt der letzte Reichsvogt der Fürstabtei, Baron Wirz à Rudenz-Grübler grosse Teile des Hofs und richtet 1815 eine Brauerei mit Wirtschaft ein. Ab 1830 schenkt er im Fürstensaal Bier aus. Da, wo einst der Abt regierte, wird nun gebraut und getrunken. Der Hof und seine Nebengebäude leiden unter fatalen Umbauten, Kulturgut geht verloren. Dennoch beginnt mit der Brauerei ein neues Kapitel, das den Hof belebt und ihn weit über Wil hinaus bekannt macht.
1867–1983: Blüte und Stilllegung
1867 erwirbt Johannes Diener den Hof und entwickelt das Wiler Hofbräu zu einem angesehenen Betrieb. Sein Schwiegersohn Oskar Kopp führt die Tradition weiter. 1911 geht die Brauerei in den Besitz der Brauerfamilie Stiefel über. Doch das Schicksal der kleinen Stadtbrauerei ist besiegelt: 1983 wird die Brauerei Hürlimann aus Zürich alleinige Aktionärin. Sie legt die Brauerei still und gründet 1984 die Hof Getränke Dienst AG. Ein Kapitel geht zu Ende und ein neues kündigt sich an.
Historische Aufnahme des Hofs aus dem frühen 20. Jh (Bild zur Verfügung gestellt vom Archiv der Ortsbürgergemeinde Wil)
Neue Zeit Neue Zeit
Der Hof zu Wil heute
1988 stimmt die Bürgerschaft der Stadt Wil der Errichtung einer Stiftung zu. Zwei Jahre später ist das Ziel erreicht: Die Stiftung Hof zu Wil wird gegründet, erwirbt den Hof und seine Nebengebäude – und beginnt eine der bedeutendsten Restaurierungen der Region. In mehreren Bauetappen wird das Baudenkmal von nationaler Bedeutung sorgfältig saniert und neu belebt. Im Jahr 2026 öffnet der Hof zu Wil als vollständig erneuertes kulturelles und gesellschaftliches Zentrum seine Türen – für die Stadt Wil, die Region und weit darüber hinaus.
Der Hof zu Wil in den frühen 90er Jahren (Bild zur Verfügung gestellt vom Archiv der Ortsbürgergemeinde Wil)